Sol 90 - Phobos Watch Station
Yuki starrte auf die Telemetrie-Daten und versuchte zu verstehen, was sie da sah. Drei Monate. Neunzig Sols. Die Mission war perfekt verlaufen – die Xenobots hatten sich exponentiell vermehrt, erste Regolith-Strukturen errichtet, Wasser-Eis lokalisiert. Alles nach Plan.
Bis heute Morgen.
»Das ergibt keinen Sinn«, murmelte Yuki und zoomed auf die biochemischen Datensätze. Die ATP-Level der Xenobots waren durch die Decke gegangen. Adenosintriphosphat – die universelle Energiewährung des Lebens. Die Bots produzierten mehr als dreimal so viel wie vorhergesehen.
Aber woher kam die Energie?
»Chen!« Sie drehte sich zu ihrem Kommandanten um. »Wir haben ein Problem.«
Chen sah von seinen Navigations-Displays auf. »Definition von Problem?«
»Die Xenobots sind... hyperaktiv. Ihre Energieproduktion ist massiv über der Norm. Und schau dir das an.« Sie projizierte die Proteinstruktur-Analyse auf den Hauptbildschirm. »Neue Proteine. Strukturen, die nicht im ursprünglichen Genom waren.«
Chen runzelte die Stirn. »Mutationen?«
»Möglich. Aber zu schnell. Zu koordiniert.« Yuki wechselte zu den Schwarm-Kommunikations-Daten. Das Netzwerk aus biolumineszenten Signalen war... dichter geworden. Komplexer. »Sie kommunizieren mehr. Intensiver. Als würden sie—«
Sie stoppte. Als würden sie was? Planen? Diskutieren? Das waren programmierte Organismen, keine denkenden Wesen.
Sie schaltete auf die Geological Survey zurück – die Mars-Boden-Analysen, die die Xenobots kontinuierlich durchführten. Und da, in Sektor 7-J des Jezero Craters, sah sie es.
Ein Hotspot. Eine konzentrierte Ansammlung von Xenobots, mehr als zweihunderttausend Einheiten, alle fokussiert auf einen einzelnen Punkt.
»Was zum...« Yuki vergrößerte das hochauflösende Orbital-Image. Der Bereich war... verändert. Der Mars-Boden war aufgewühlt, gegraben, durchsiebt. Die Xenobots hatten sich bis zu fünf Meter in den Regolith gegraben.
»Sie haben etwas gefunden«, flüsterte sie.
Sie rief die chemische Analyse ab. Die Sensoren der Xenobots sendeten kontinuierlich Daten über die Bodenzusammensetzung. Und dort, in Sektor 7-J, zeigten die Messungen—
Yuki erstarrte.
»Oh Gott«, whispered Yuki. »Sie haben eine Perchlorat-Ader gefunden. Eine massive Perchlorat-Ader.«
Chen kam näher. »Ist das gut oder schlecht?«
»Das ist...« Yuki rechnete schnell. »Das ist mehr Energie als wir für die gesamte Mission eingeplant hatten. Vierzig Mal mehr. Die Xenobots haben einen Energie-Jackpot gefunden.«
Sie schaltete zurück zur Populations-Analyse. Die Replikationsrate hatte sich verdoppelt. Nein, verdreifacht. Die Xenobots nutzen die massive Perchlorat-Quelle, um sich mit atemberaubender Geschwindigkeit zu vermehren.
»Vierhundertsiebenundachtzig Millionen«, las Chen vom Display ab. »Das ist... fast fünfzig Mal mehr als geplant.«
Yuki nickte langsam. Ihr wissenschaftlicher Verstand war fasziniert – das war evolutionäre Anpassung in Echtzeit. Die Xenobots hatten eine Ressource gefunden und nutzten sie optimal aus. Genau wie designed.
Aber ein anderer Teil von ihr – der Teil, der nachts Papers über unkontrollierte Systeme gelesen hatte – war beunruhigt.
»Wir sollten Ares BioSystems informieren«, sagte Chen. »Achtzehn Minuten zur Erde. Sie müssen davon wissen.«
»Warte.« Yuki hob eine Hand. »Lass mich zuerst die Protein-Analysen abschließen. Ich will verstehen, was diese neuen Strukturen bedeuten.«
Sie öffnete das Molekularbiologie-Interface. Die Xenobots sendeten kontinuierlich Daten über ihre Proteinbiosynthese – welche Proteine sie produzierten, in welchen Mengen, mit welcher Struktur.
Und da, zwischen den bekannten Strukturen, sah sie sie: Neue Proteine. Komplexe Ketten, die nicht im Original-Genom codiert waren.
Yuki starrte auf die Daten. Neural analog. Das Protein Alpha-7 hatte Strukturen, die an neuronale Signalübertragung erinnerten. Und Gamma-12 verstärkte die Schwarm-Kommunikation.
Die Xenobots passten sich an. Sie entwickelten neue Fähigkeiten. Sie wurden... effizienter. Koordinierter.
Intelligenter?
Sie wurde von einem Alert-Signal unterbrochen. Ein neues Display öffnete sich automatisch – das Schwarm-Kommunikations-Array.
Und was sie sah, ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen.
Das Kommunikationsnetzwerk der Xenobots hatte sich verändert. Es war nicht mehr das diffuse, chaotische Muster der ersten Wochen. Es war... strukturiert. Organisiert. Fast wie—
»Neuronale Netzwerke«, flüsterte Yuki. »Sie bilden neuronale Netzwerke.«
Auf dem Display pulsierte ein komplexes Geflecht aus Verbindungen. Knoten und Verbindungen, Cluster und Hierarchien. Die Xenobots kommunizierten nicht mehr nur – sie bildeten eine Art kollektives Nervensystem.
»Das ist unmöglich«, sagte Chen. »Sie sind... Organismen. Keine KI.«
»Sie sind beides«, korrigierte Yuki. »Biologisch. Aber von einem evolutionären Algorithmus designed. Und jetzt... entwickeln sie sich weiter.« Sie zoomed in auf einen der Hochkonnektivitäts-Knoten. Ein Cluster von etwa zweitausend Xenobots, alle extrem eng vernetzt, alle mit hoher Signalfrequenz kommunizierend.
Es sah aus wie ein Gehirn-Modul. Ein kleines, verteiltes Gehirn aus lebenden Maschinen.
»Ich muss mit Ares BioSystems sprechen«, sagte Yuki. »Jetzt.«
Chen nickte und aktivierte das Long-Range-Kommunikations-Array. Achtzehn Minuten zur Erde. Achtzehn Minuten, bis sie eine Antwort bekommen würden.
Yuki begann ihren Bericht zu formulieren:
Die Nachricht wurde ins All gesendet, durch die Leere zwischen Mars und Erde. Achtzehn Minuten Verzögerung. Sechsunddreißig Minuten Round-Trip.
Yuki lehnte sich zurück und starrte auf die Displays. Die Xenobots bewegten sich über den Mars wie ein silbernes Meer. Zwei Komma acht Millionen Lebensformen, alle verbunden, alle kommunizierend.
Und tief im Jezero Crater, um die Perchlorat-Ader herum, pulsierte das Herz des Schwarms.
Chen starrte aus dem Stations-Fenster auf den roten Planeten unten. »Denkst du, sie werden uns sagen, die Mission abzubrechen?«
Yuki schüttelte den Kopf. »Zu viel Geld investiert. Zu viel auf dem Spiel. Sie werden uns sagen, zu beobachten, zu dokumentieren, zu kontrollieren.«
»Und wenn wir nicht kontrollieren können?«
Yuki antwortete nicht. Stattdessen sah sie auf die Orbital-Bilder des Jezero Craters. Dort unten, auf einer toten Welt, hatten sie Leben entfesselt.
Leben, das lernte. Sich anpasste. Wuchs.
Und vielleicht, nur vielleicht... zu denken begann.